Die Scholastiker sagen, die Wahrheit liegt im Sein.
Giambattista Vico sagt, die Wahrheit liegt in der Handlung. (Brodbeck, Zirkel des Wissens, S. 203)
(Der scholastischen Gleichung „Verum est ens – das Sein ist die Wahrheit“ stellt er seine Formel entgegen: „Verum est factum“. Das will sagen: Als wahr erkennbar ist für uns nur das, was wir selbst gemacht haben. J. Ratzinger, Einführung in das Christentum)
Das Problem der modernen Wissenschaften, insbesondere der Physik, liegt darin, dass sie bei der praktischen Durchführung die implizite Vorstellung haben, dass die Wahrheit in der Handlung liegt und gleichzeitig die explizite Vorstellung, dass die Wahrheit im Sein, also in den Dingen oder Objekten liegt.
Der Erfolg der Wissenschaften beruht darauf, dass in der Renaissance die Änderung des Bestehenden nicht als Störung, sondern als Fortschritt betrachtet wurde. Bis heute ist das Bestreben eines jeden Wissenschaftlers, bestehende Erkenntnisse durch neue Erkenntnisse zu ersetzen. Und die erfolgreiche Umsetzung von neuen Erkenntnissen in erfolgreiche Handlungen gibt dieser Einstellung recht. Neue Erkenntnisse über das Wesen der Forschungsgegenstände sind damit in der Regel aber nicht verbunden.
Trotzdem glauben viele Wissenschaftler, insbesondere Physiker, dass sie die Wahrheit in den Objekten bzw. ihrem Forschungsgegenstand suchen. Und obwohl alle Forschungsergebnisse immer nur zu neuen Handlungen führen, halten sie an der Vorstellung fest, dass sie letztlich die Wahrheit in den Dingen finden werden.
Zu der Vorstellung, dass die Wahrheit in den Dingen liegt, gehört auch die Annahme, dass es zumindest prinzipiell möglich ist, die Wahrheit über die Dinge zu erkennen, indem man die Welt beobachtet, ohne dass die Beobachtung die Welt beeinflusst. Beobachtung ist dann nur ein zur Kenntnis nehmen eines Sachverhalts, der einfach da ist, auch wenn er nicht beobachtet worden wäre.
Im 19. Jahrhundert wird zunehmend klar, dass der Beobachter eine größere Rolle spielt als bis dahin angenommen. Die Vorstellung, dass ein Beobachter außerhalb dessen steht, was er beobachtet, wird zunehmend unhaltbar. In den Sozialwissenschaften wächst zuerst die Erkenntnis, dass ein sozialwissenschaftliches Experiment nicht ohne Einfluss auf den Forschungsgegenstand ist.
In der Relativitätstheorie werden Raum und Zeit beobachterabhängig, d.h. Bewegungen von Objekten werden nicht mehr als Eigenschaften der Objekte betrachtet, sondern nur als Relationen in einem durch den Beobachter vorgegebenen Bezugsrahmen, genannt Inertialsystem.
In der Quantenmechanik kommt man schließlich zu der Erkenntnis, dass der Beobachter das Beobachtete nicht nur beeinflusst, sondern sogar erzeugt. Das Wahrnehmen des Messergebnisses erzeugt das Messergebnis, die sogenannte Reduktion der Wellenfunktion.
Trotzdem wird in allen Wissenschaften weiter an der Vorstellung festgehalten, dass der Forschungsgegenstand eine eigene Existenz hat, eine Entität ist, ein Etwas, das man Begreifen und Festhalten kann. Sei es die Gesellschaft, das Lebewesen oder das Elementarteilchen.
Der Grund liegt darin, dass in den Anfängen der Wissenschaft, die Forschungsgegenstände den Eindruck vermittelten, dass sie von ihrer Beobachtung unbeeindruckt seien, was daher kommt, dass die Forschungsgegenstände der unmittelbaren Lebensumwelt entstammten. Diese Forschungsgegenstände, denen sich die Wissenschaft in ihren Anfängen widmete, waren das Ergebnis einer langen Vorgeschichte einer objektiven Weltsicht oder wie die buddhistische Philosophie es ausdrückt, einer funktionierenden Täuschung. Die fortschreitende technische Entwicklung führte anfänglich noch zu einer Ausweitung der Wissenschaft in Bereiche, die zwar außerhalb der unmittelbaren Lebensumwelt lagen, die aber mit Hilfe technischer Hilfsmittel, wir Teleskop und Mikroskop, in unsere Sinneswelt transformiert werden konnte.
Die Probleme mit der Vorstellung eines Seins aller Objekte, der Vorstellung, dass die Wahrheit in den Dingen liegt und der Praxis der Wissenschaften, dass eine wahre Erkenntnis durch ihre Umsetzung in funktionierende Handlungen bestimmt wird, kamen erst mit der Ausweitung der Wissenschaften in Bereiche, die außerhalb der lebensweltlichen Bereiche lagen. Seien es die Erforschung vollkommen fremder Kulturen oder von Objekten, die sich entweder sehr schnell bewegen oder sehr klein sind.
Die Frage, die sich stellt, ist, wieso hat es so lange funktioniert? Wieso konnte man glauben, dass Objekte da sind, auch wenn sie nicht beobachtet werden. Wieso konnte man glauben, dass ein Objekt, das von einem Subjekt erkannt wird, auch ohne ein Subjekt existiert? Oder mit dem Vokabular der buddhistischen Philosophie; warum funktioniert eine Täuschung?
