Wir leben in einer Welt, die sich ständig ändert und in der die verschiedenartigsten Wahrnehmungen auf uns einwirken. Wir nehmen Hitze und Kälte war, wir haben Schmerzen, wir haben Hunger oder Durst, wir spüren Widerstände, wir haben Angst oder empfinden Freude. All diese Wahrnehmungen haben die Eigenschaft, dass wir sie bewerten können und wir nennen sie Qualitäten.
Neben diesen Qualitäten, die wir wahrnehmen, gibt es auch Dinge oder Objekte, wie Steine oder Tische oder Stühle, die wir auf andere Art und Weise wahrnehmen. Wir sehen sie oder hören sie oder spüren sie, aber sie sind von anderer Art als es die Qualitäten sind. Sie erscheinen uns fest, sie können sich bewegen, sie sind von anhaltender Dauer. Aber vor allem sind sie wertfrei, denn wir sagen nicht, das ist ein guter oder schlechter Stein. Wir nennen diese Dinge, die wir nicht bewerten können, Objekte und unterscheiden sie von den Qualitäten.
Von den Qualitäten, die wir wahrnehmen, gibt es einige, die wir mit einem Objekt verbinden. Wir können die Glätte eines Steines, die Maserung eines Holzes usw. bewerten und damit einem Objekt eine Qualität zuordnen. Aber wir nehmen auch Qualitäten war wie Liebe, Freude oder Schmerz, die wir nicht ohne weiteres einem Objekt zuordnen können.
Wenn wir geboren werden, können wir Objekte nicht erkennen. Wir können nur bestimmte Qualitäten wahrnehmen, wie Hunger oder Kälte, aber wir erkennen keine Tische und keine Stühle.
Im Laufe unserer Entwicklung lernen wir, Objekte wahrzunehmen, d.h. wir lernen, die Vielfalt der Erscheinungen zu ordnen.
Nachdem wir gelernt haben, Objekte wahrzunehmen, können wir diese Objekte hintereinander, nebeneinander oder übereinander sehen. Wir sehen, dass diese Objekte einen Rand haben, also begrenzt sind und wir sehen, dass es Leerstellen gibt, an denen es keine Objekte gibt. Damit erzeugen wir zum ersten Mal die Vorstellung eines Raumes.
Aber noch besteht die Änderung unserer Welt dadurch, dass diese Objekte erscheinen und verschwinden.
Der nächste Schritt in unserer Entwicklung besteht darin, dass wir diesen Objekten eine Identität geben und dass wir uns erinnern können.
Der Ball, der hinter dem Regal verschwindet und dann wieder auftaucht ist kein neues Objekt, sondern es ist derselbe Ball. Und er ist auch gar nicht verschwunden, sondern er war nur durch das Regal verdeckt. Und das bedeutet, dass sich der Ball offensichtlich bewegt haben muss, wenn er hinter dem Regal verschwindet und dann wiederauftaucht.
Sobald wir also ein Gedächtnis haben und Objekten eine Identität geben, dann erscheinen Objekte nicht mehr einfach an verschiedenen Stellen des Raums, sondern sie bewegen sich von einer Stelle zur anderen und sie waren auch an allen Stellen dazwischen.
Nachdem wir erstmal Objekten eine Bewegung zuordnet haben, können wir feststellen, dass Objekte sich sehr unterschiedlich bewegen. Sie können sich schnell oder langsam bewegen, ihre Geschwindigkeit ändern und sie können sich so bewegen, dass sie immer wieder zurückkommen. Bei manchen Objekten können wir leicht Einfluss auf die Bewegung nehmen, während andere Objekte sich unabhängig von uns bewegen.
Eine gewisse Sonderstellung nehmen die Sonne, der Mond und die Sterne ein, da die Sonne, der Mond und die Sterne sich sehr gleichmäßig bewegen und ihre Bewegungen völlig unbeeindruckt von den Bewegungen anderer Objekte zu sein scheinen,
Damit haben wir die Möglichkeit, die Bewegung von Objekten in unserer Umgebung mit der Bewegung dieser besonderen Objekte zu vergleichen.
Aber wir haben nicht nur die Möglichkeit, die Bewegung von Objekten, die uns umgeben mit der Bewegung der Sonne zu vergleichen.
Wir haben darüber hinaus auch die Möglichkeit, alle Veränderungen in der Welt, in der wir leben, mit der Bewegung dieser besonderen Objekte zu vergleichen. Wir können die Veränderungen in der Vegetation mit den Veränderungen der Sterne vergleichen oder die Änderung des Hungergefühls mit der Bewegung der Sonne.
Damit haben wir ein Ordnungsprinzip für die Änderungen der Welt und somit die Zeit.
Die Vorstellung einer Zeit beruht also auf dem Vergleich der Änderungen, die wir wahrnehmen, mit der Bewegung von Objekten, deren Bewegungen im Vergleich zu den meisten anderen Bewegungen eine größere Gleichmäßigkeit haben und deren Bewegungen von den sonstigen Änderungen der Welt unbeeinflusst erscheinen, wie zum Beispiel die Bewegungen von Sonne, Mond oder Sterne.
Durch die Fähigkeit uns zu erinnern, können wir eine aktuelle Anordnung von Objekten mit einer gespeicherten Anordnung von Objekten vergleichen und feststellen, dass sich die Anordnung verändert hat. Doch die bloße Änderung der Phänomene ohne die Vorstellung von Bewegung führen noch nicht zu einer Vorstellung von Zeit. Erst durch die Annahme einer Identität kommt man dazu, die Änderung dieser Anordnung als Bewegung von Objekten anzusehen und dadurch bekommen wir eine zeitliche Ordnung zur räumlichen Ordnung hinzu. Denn die Vorstellung von Zeit ist an die Vorstellung von Bewegung geknüpft.
Nach Piaget kann das Kind zuerst räumliche Beziehungen wahrnehmen aber keine zeitlichen. Das heißt Zeit ist eine Konstruktion, die das Kind erst später durchführt. Räumliche Änderungen sind beim Kind nicht verbunden mit zeitlichen Änderungen. Erst die Vorstellung eine Geschwindigkeit, führt zum Zeitbegriff.
Räumliche Änderung muss also nicht notwendigerweise mit Bewegung assoziiert werden.
Erst die Vorstellung eines Objektes, das als Einheit existiert und sich daher bei einer räumlichen Änderung bewegen muss, erlaubt die Vorstellung eines Zeitbegriffs.
